STAB Diaries: Boyfriend Sweater

Wilkommen zu unserem persönlichen Tagebuch, oder besser gesagt, dem von Maleen Harten. Maleen ist Teil der Stickabush Family und schreibt seit jungen Jahren nicht nur viel, sondern vor allem verdammt gut. Hier teilt sie mit euch gemachte Erfahrungen, echt und erfunden, aus der Sicht von fiktiven Personen, die euch mitnehmen auf eine Reise fernab des üblichen Blog-Gelabers. Irgendwo an der Kreuzung von Emotion und Mode, aber immer spannend. Folge 1: Der Boyfriend Sweater.

stab diaries

Es war Frühling 2000. Hanna und ich waren die ganze Nacht durch unsere kleine Stadt gezogen, auf der Suche nach Vergnügen und Spannung. Wir waren 14 Jahre alt und voller Unruhe. Das, worum sich alles in unseren jungen Köpfen und Herzen drehte – vom Aufstehen bis zum Einschlafen – waren Jungs. Wie fanden sie uns, wie fanden wir sie? Sinnlose SMS an den „Schwarm“ in das Nokia Handy hacken und sich mit dem Festnetztelefon stundenlang im eigenen Zimmer verschanzen, um Gesten zu interpretieren. „Ich muss jetzt auch telefonieren“, riefen die Familie von unten, „Jaja“ rief man zurück. Das hier war wichtiger, das hier war das Leben, das hier war die Zukunft. Doch das was wir dann fanden, war meist enttäuschend, angesichts unserer großen Erwartungen. Die Straßen unserer Stadt blieben oftmals leer und langweilig.

Keine Skateboarder, keine Sprayer, keine Zivildienstleistendenden. Das waren die männlichen Helden unserer kleinen Welt, doch sie ließen sich selten blicken.

So war es auch wieder in dieser Nacht gewesen. Wir wollten grade nach Hause gehen, hatten uns an der Tankstelle noch Chips und Süßigkeiten gekauft, als wir dort, auf den Stufen vor dem Eingang Lukas sitzen sahen, Biertrinkend, Rauchend, an der Schwelle des Erwachsenwerdens. Mit ihm waren wir in der Tanzstunde gewesen, hatten ihn uncool gefunden und weiteren Kontakt vermieden. Doch diesmal war er nicht alleine, da saß ein bislang unbekannter Junge neben ihm. Einer mit dunklen Locken und einem hellgrauen Sweater aus schönem dicken Baumwollstoff. Die Lässigkeit, mit der er diesen Pullover trug, haute mich um. Der Halsausschnitt war rund und darüber konnte ich seinen gebräunten Nacken sehen. Mein kleines hungriges Herz fing direkt an zu stolpern und ich kniff Hanna in die Seite, unser Zeichen. Wir würden bleiben. Zu viert saßen wir vor der Tanke und zeigten uns wie gut oder schlecht wir jeweils Zigaretten rollen konnten. Später siedelten wir auf den Spielplatz um, hockten rauchend auf der Bank, schaukelten, rutschten ein wenig, große Kinder, die noch einmal Kind spielen dürfen. Der Unbekannte hieß Niklas und er war wunderschön, innen wie außen. Er lächelte mich an und er gab mir von seinem Bier und seiner Zigarette. Als ich zitterte, in dieser kühlen Frühlingsnacht, gab er mir seinen hellgrauen Pullover. Er roch nach ihm, nach Persil Waschmittel, nach Rauch, nach erwachsen werdendem Jungen. Ich steckte meine Arme unter den Pullover und rieb meine Finger an dem weichen Flor. Von innen war er noch warm und weich und vorne auf der Brust hatte er lila Farbspritzer. Wenn ich ihn nicht schon toll gefunden hätte, jetzt liebte ich ihn. Den Pullover, den Jungen sowieso. Mein erster Boyfriend Sweater. Naja, “Boyfriend”.

Als auch Hanna kalt wurde, aber ihr Niemand einen Pullover anbot, beschlossen wir den Heimweg anzutreten. Warte, wir nehmen euch auf den Gepäckträger, sagten die Jungs. So fuhren wir die Allee unseres Ortes hinunter, den Fahrtwind in unseren Gesichtern, die Arme um die schmalen Taillen der halben Männer geschlungen. Meine Nase war an Niklas Rücken gedrückt und ich stellte mir vor seine Freundin zu sein, für immer seinen Geruch einzuatmen. Für immer seinen Sweater zu behalten.

Als wir vor meinem Haus standen, wollte ich ihm den Pullover wiedergeben, doch er verneinte, „Behalt ihn ruhig erstmal, kannst du mir wann anders mal wiedergeben“, er lächelte, ich lächelte und sie verschwanden in der Dunkelheit.

Auch im Schlaf behielt ich den Pullover an und zog ihn bis zur Nase hoch. Dieser Stoff, der eben noch an seiner Haut haftete, jetzt an meiner. Ich konnte es nicht fassen, dass dieser schöne Fremde mir seinen Pullover geschenkt hatte. Ein Pullover, der meinem sehnenden Teenager Herz Vertrautheit und Beziehung versprach. Dessen Geruch für mich ab da untrennbar mit meiner Auffassung von Männlichkeit, Coolness und Sexyness verbunden würden sein.

Ich sah den Jungen nie wieder, ich weiß nicht, wie er nun als Mann ist. Seinen Pullover habe ich irgendwann verloren. In all den Jahren die darauf folgten, bekam ich so viele Kleidungsstücke von wechselnden Männern. Doch immer habe ich nach dem Jungen gesucht, der seinen hellgrauen Sweater mit soviel Lässigkeit, mit soviel Charme getragen hatte, wie damals dieser Niklas. Kein Boyfriend Sweatshirt war wie seines, kein geschenktes und erst recht kein gekauftes. Ich suchte nach dem Glücksgefühl, mit diesem Geruch in meiner Nase einzuschlafen. Und fand es nicht nochmal.